Verrückte Welt

Plötzlich bricht Jane Doe* (4 Jahre) in Tränen aus. Sie sollte sich nur anziehen.

Es war ein Wochenende ohne Tagesprogramm, ohne Stress. Doch sie stand vor mir und weinte. Diese Art von Weinen, bei der jede Mutter / jeder Vater sofort weiß: Das ist kein Theater. Dann die Frage: "Schatz, was ist denn los? Warum weinst du?"

Die mit Schluchzern durchdrungene Antwort: "Ein Junge in der Kita hat gesagt, ich bin verrückt. Aber ich bin nicht verrückt! Das hat mir weh getan, das darf er nicht sagen!"


Bezugsrahmen ändern und Selbstwert schützen


Ich weiß nicht, mit welcher Stimmlage dieser Junge das sagte. Oder ob er eine ablehnende Körpersprache hatte. Ich weiß nur, dass es mein Kind verletzt hat. Dass sie sich diese Worte nicht selbst sagen würde.

Vor zwei Jahren noch hätte ich auch keine Idee gehabt, mit welcher Methode ich diese Situation in eine positive Richtung hätte lenken können. Aber in diesem Moment nahm ich sie in den Arm und sagte: "Könnte es sein, dass du nicht verrückt bist, sondern so kreative Ideen hast, dass es für andere Kinder manchmal schwer ist, diesen Ideen zu folgen? Und dass sie sich deshalb vielleicht unwohl fühlen und nicht wissen, was sie da zu sagen sollen und das einzige was ihnen einfällt ist dann: Du bist verrückt...?


Mein Wert im Kontext


Ich habe diese Geschichte mit anderen Menschen geteilt. Anderen Eltern, den Großeltern, Freunden der Familie und quasi jeder hat drauf anders reagiert. Die einen hielten meine Reaktion für überzogen. Andere meinten, da müsse sich die Kita drum kümmern, dass die Kinder sozialisiert werden. Einige nickten und freuten sich, dass es tatsächlich einen Weg gibt damit umzugehen.


Und so fragte ich mich auch selbst, wie hätte ich denn auf "Du bist verrückt" reagiert?

Es gab eine Zeit, da habe ich mich damit unsicher gefühlt. Ist das schlimm? Darf ich das? Macht mich das zu einem anderen (schlechten) Menschen?

Und dann habe ich mir einen neuen Bezugsrahmen dazu gebaut.

Man stelle sich vor, man sitzt auf einem Stuhl, an einem Tisch mit anderen Menschen. Diese Menschen diskutieren über ein Problem. Es ist dort niedergeschrieben, auf einem Zettel. Sie drehen sich verbal im Kreis. Aber mein Stuhl ist etwas verrückt. Mein peripheres Gesichtsfeld nimmt immer noch die Menschen wahr, den Tisch, das Problem. Und ich sehe noch etwas anderes. Ein Fenster, durch das die Sonnenstrahlen mich erreichen. Eine Erinnerung daran wie frische Luft meine Lungen füllt. Und ich sehe eine Tür. Mir kommt der Gedanke, dass man auch andere Menschen um Rat fragen kann. Dass die Lösung vielleicht nur ein paar Schritte entfernt ist. Dass ich nur mutig sein und durch diese Tür gehen muss, auch wenn es anderen verrückt erscheint...


Ich schaue meinem Kind beim Basteln zu und frage mich, ob ich ihr das wohl so erklären kann, mit ihren 4 Jahren? Da fehlt wohl noch einiges an Lebenserfahrung. Aber ich kann ihr ein Vorbild sein und es einfach tun. Mutig sein, die Welt anders sehen. Und wenn sie mich dann fragt, warum ich Dinge so anders mache (hoffentlich erfolgreich), dann kann ich ihr sagen, "weil ich etwas verrückt bin".


* Jane Doe dient hier als Platzhalter für den richtigen Namen meiner Tochter.

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